Brieffreunde

Während ich heute etwas unmotiviert auf meinem Sofa herumsaß, musste ich plötzlich an längst vergangene Zeiten zurückdenken. Den Gedankengang kriege ich nicht mehr zusammen, aber ich erinnerte mich daran, dass ich mit etwa dreizehn Jahren totaler Wrestling-Fan war. Gibt es das heute überhaupt noch? Diese aufgeblasenen Typen, die sich in durchinszenierten Show-Kämpfen einen auf die Rübe hauen?



Jedenfalls hatte ich damals zu Spitzenzeiten bis zu zehn Brieffreundinnen, die auch alle Wrestling-Fans waren. Wie ich zur allerersten Brieffreundschaft gekommen bin, weiß ich heute nicht mehr. Neue kamen durch sogenannte "Friendship Books" zustande: Jemand tackerte schnell ein kleines Heftchen zusammen, bemalte es auf der Vorderseite mehr oder weniger liebevoll und schrieb auf die Rückseite: "When full return to ...". Der Starter schickte sein Friendship Book, kurz FB genannt, an eine Brieffreundin ("Pen Pal"). Man schrieb dann seine Adresse und einige Kommentare hinein und das entsprechende Kürzel, das Eingeweihten verriet, ob man neue Brieffreunde haben möchte oder nicht:
npw = new pals welcome
snnp: sorry no new pals

Ja, das war eine internationale Sache; mit etwas Glück reiste ein solches FB um die halbe Welt und kam mit noch mehr Glück auch wieder zum Absender zurück. Auf diese Weise hatte ich kurzzeitig eine Brieffreundin in England und eine in den USA.

Kaum ein Tag verging, an dem ich keine Post bekam und nicht mindestens einen Brief schrieb. Meine arme Mutter war wohl etwas genervt, nahm meinen Schreibwahn aber hin.

Am besten kann ich mich an drei Brieffreundinnen erinnern. Andrea war schon über zwanzig. Trotz des großen Altersunterschiedes verstanden wir uns richtig gut, und selten war ein Brief mal kürzer als drei Seiten.
Nicole und Silke wohnten beide in Dortmund, also ganz in meiner Nähe. Auch meine Freundin aus der Schule schrieb mit den beiden, und so fuhren wir nach Dortmund, um sie zu besuchen. Im Gegenzug waren sie auch einmal bei mir.

An diese beiden Mädels erinnere ich mich vor allem deswegen so genau, weil ihnen eine kuriose und sehr aufregende Geschichte passiert ist. Silke war ein großer Fan von Michael Jackson, Nicole schwärmte für einen bestimmten Wrestler. Beide nahmen an einem BRAVO-Gewinnspiel teil, und beide zogen das große Los: Silke gewann ein Treffen mit Michael Jackson, Nicole eines mit "ihrem" Wrestler. Ich wollte das damals erst nicht glauben, aber die Fotos in der BRAVO waren der Beweis, dass die Beiden uns keinen Bären aufgebunden hatten.

Sämtliche Brieffreundschaften schliefen nach und nach ein, wie das nun einmal meistens so ist. Ob sich wohl eine von den Mädels noch an mich erinnert?

Wie auch immer, in Zeiten des Internets sind solche Brieffreundschaften wohl selten geworden. Klar, heute schreibt man sich Mails. Das geht viel schneller und kostet nichts. Aber es ist doch etwas ganz anderes.

Es war eine schöne Zeit damals: Aus der Schule nach Hause kommen und aufgeregt in den Briefkasten schauen, und wenn dort ein Brief wartete, ab ins Zimmer und voller Spannung lesen, was der liebe "Pen Pal" diesmal zu berichten hat ...

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