Mein erster Halbmarathon

Eigentlich wollte ich gestern heiraten.
Also nein, eigentlich nicht wirklich, aber wenn ich heiraten gewollt hätte, dann wohl gestern. Ich dachte mir: Das Datum ist so schön, den Tag kannst du nicht einfach verstreichen lassen. Aber der 20.10.2010 war wie jeder andere Tag auch. Ich hatte die Chance verpasst, etwas Unvergessliches an diesem Tag zu tun. Ideales Wetter zum Laufen war es auch nicht, immer wieder Regenschauer.



Gestern Abend dann ging mir auf, dass morgen, also heute, also ich mein heute war ja gestern morgen, der 21.10. ist. 21.10. - 21.10. - was sagt uns das? Genau, der ideale Tag, um seinen ersten Halbmarathon zu laufen. Zumindest vom Datum her. Nachdem wetter.com blödes Wetter für heute (also gestern morgen, ach, Ihr wisst schon) angesagt hatte, guckte ich einfach bei wetter.de, und da passte es dann.

Also galt heute Morgen mein erster Blick aus dem Bett heraus, quasi noch ehe ich überhaupt wach war, dem Himmel und den vorbeiziehenden Wolken. Es war noch dämmerig. Ich kuschelte mich noch ein bißchen mit Sandy zusammen, und je heller es wurde, desto weniger Wolken waren noch zu sehen. Sonne, blauer Himmel - ja Scheiße, jetzt gab es keine Ausrede mehr.

Also packte ich alles zusammen, auch die Sandy, und gegen halb neun machten wir uns dann auf den Weg. Vorbei am Gysenberg, rechts rum Richtung Castrop-Rauxel. Bei km 6 fing meine rechte Wade an zu schmerzen. Das hatte sie vorher noch nie getan, dafür aber direkt kontinuierlich, aber nicht so schlimm, dass ich hätte abbrechen müssen. Ich gewöhnte mich recht schnell an das Ziepen und ignorierte es.

Auf dem Gelände der Zeche Erin in Castrop erreichte ich die 10 km-Marke. Die stand da natürlich nicht als Schild, sondern auf meinem Forerunner. Die Uhr zeigte 1 Stunde und 15 Minuten an, was mich extrem glücklich machte, da ich 10 km niemals zuvor so schnell geschlichen bin!

Bei km 11,3 sagte mein FR plötzlich irgendwas von "abnormal powerdings" (nicht wörtlich), und ich stand kurz vor einem Tobsuchtsanfall. Irgendwie bekam ich ihn durch Aus- und Einschalten doch wieder zum Laufen, und mich dadurch dann auch. Zum Glück war die erste Hälfte nicht verloren gegangen.

Bei km 13 packte mich der Frust, warum ich immer noch nicht bei km 14 war.
Bei km 16 dachte ich: Geil, nur noch 5 km!
Bei km 17 dachte ich: Scheiße, noch 4 km.
Ab km 17,5 liefen mir kontinuierlich Tränen aus dem rechten Auge (das war wortwörtlich ein lachendes und ein weinendes Auge).
Ab km 18 begann ich, Selbstgespräche zu führen und teilte jeder Wegmarke bei einem vollen Kilometer mit, dass sie eine Wegmarke ist. (Hey Baum, du bist Kilometer 18!)
Ich wusste, wenn mich jetzt jemand anspricht, breche ich in Tränen aus und heule und schreie, dass ich nicht mehr kann.
Km 20 war die Eishalle.
Der lange Weg von der Eishalle bis nach Hause war genau die Strecke, die mir noch fehlte, das wusste ich. Ich versuchte mir vorzustellen, dass ich auf das Ziel zulaufe und links und rechts Leute stehen. Aber da war noch nicht mal eine einzige Oma mit Hund.
Als Sandy zum Pinkeln abrupt stehen blieb, hätte es mich fast umgerissen.
Die letzten 400 Meter waren Himmel und Hölle zugleich. Meine Beine taten von den Zehen bis zum Gluteus Maximus einfach nur noch tierisch weh, und wäre ich hingefallen, weiß ich nicht, ob ich wieder aufgestanden wäre.

Und dann zeigte der Forerunner auf einmal "21.10", und ich drückte die Stopp-Taste. Das war's.

Ich bin ganz furchtbar stolz auf mich. Vor zwei Monaten waren 10 km für mich noch utopisch - da habe ich nach einem Jahr Pause erst wieder mit dem Laufen angefangen.

Gut, dass es keinen 42. Februar gibt.

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Kommentar von Regina Rieger |

Liebe Frau Hempel,

aus meiner rechten Hirnhälfte fallen nur noch Attribute, wie spitze, grandios, eine Frau mit Biss und Durchhaltevermögen ...

Klasse, was Sie geschafft haben. Gratulation vom ganzen Marketing & Medien-Team und von mir ganz besonders. Ich werde Ihren Text jetzt beim Kaffee sofort zum Besten geben.

Haben Sie hoffentlich danach den besten Champagner der Welt auf Ihre Leistung getrunken?

Liebe Grüße
Regina Rieger